Ein Sonntag nach Essen – Rückblick aus einer anderen Sicht

Da war sie wieder, die Spielmesse in Essen. Vier bunte Tage vollgestopft mit dem Neusten aus der Brett- und Kartenspielwelt. Für den geneigten Besucher war es sicherlich eine spaßige Angelegenheit, für mich war es Arbeit ;-) Sebastian hat schon einiges aus seiner Sicht der Dinge erzählt, war er doch erstmalig auf der Messe. Bei mir wird es sicherlich das zwölfte oder dreizehnte Mal sein, ich weiß es nicht mehr so genau. Da ich aus NRW komme, war die Anreise nie so das Problem. Wie einige von Euch wissen, darf ich mich nun gut zwei Jahre Spielredakteur bei Schmidt Spiele nennen und habe die Messe unter ganz anderen Blickwinkel aufgenommen. Wie das dann so aussieht möchte ich in ein paar  knappen Sätzen schildern.

Am Dienstag setzt Du Dich früh morgens von Berlin aus in den Flieger und kommst irgendwann in eine saukalte Messehalle an. Dort wird an allen Ecken gebastelt und geschraubt. Das, was mal dein Heimatstand sein soll steht nur in seinen Fundamenten. Eine tapfere Messebautruppe sollte man schon im Gepäck haben, möchte man sich der Spielgemeinde dann ein paar Tage spöter im Glanze prösentieren. Stunde um Stunde nimmt der Messestand Gestalt an. Der Verlags-Mitarbeiter sollte zwischendurch immer mal ein Auge darauf haben, ob die neuen Produkte auch im rechten Licht stehen, immerhin kennt man sich mit den neuen Spielen aus. Ein Muskelkater ist bis zum Abend fällig, dann geht es ins Hotel, Dusche, Bett und gute Nacht.

Am Mittwoch wird es offiziell. Der Veranstalter der Messe hat zur Pressekonferenz geladen. Nebenan läuft die Neuheitenshow, bei dem sich die spielbegeisterten Journalisten die wunderbaren Spielkreationen aus nächster Nähe anschauen dürfen. Da darfst Du Dich dann das erste Mal schick machen und mit einem freundlichen Lächeln stolz dein Produkt vorstellen. Wenn Du Glück hast, bist Du sogar am Abend für 2 Sekunden in irgendeiner Nachrichtensendung zu sehen. Ein besonderen Service bietet der Veranstalter den Herstellern von Kinderspielen. Ein quietschender Reigen von Leihkindern darf sich geborgt werden, um für das ein oder andere Pressefoto ein hübsches Motiv zu bilden. Wenn der letzte Journalist sein Bild im Kasten hat, geht es zurück zum Stand. Hier und da wird noch was ausgebessert oder vorbereitet. Dann schnell ins Hotel und noch mal eine Spur drauf gelegt. Der teure Anzug wird feinsäuberlich aus dem Koffer gezogen, denn es geht am Abend zur Preisverleihung des deutschen Spielepreises. Hier trifft sich der Adel der Branche um bei feinem Essen an großen runden Tischen darüber zu plaudern, warum Reiner Knizia mit zwei unterschiedlichen Paar Schuhen zur Veranstaltung gekommen ist.

Am Donnerstag um Punkt 10 Uhr öffnen sich die Tore der heiligen Hallen auch für das gemeine Volk. Der Herr Spieleredakteur empfängt ab da die unterschiedlichsten Typen von Spielautoren, Illustratoren und Menschen mit irgendeiner tollen Geschäftsidee. In einer kleinen Kabine sitzt Du dann da, gespannt darauf das vielleicht kommende Spiel des Jahres zu entdecken. Doch nicht jeder Spielautor bringt da ein Feuerwerk der Spielmechanik auf den Tisch. Manchmal sind es doch recht putzige, ja sagen wir skurrile Machwerke, die einem da unterkommen. Doch freundlich bleiben ist die Devise. Einem bösen Spielredakteur werden keine Spiele gezeigt. Und ab und zu ist wirklich ein Lichtblick dabei. Ehe man sich versieht ist der Messetag um. Man hat zu wenig getrunken, sich von Keksen ernährt und war höchstens einmal auf der Toilette, natürlich nur klein. Der Abend endet mit einer Branchenparty, dann wieder Hotel, Dusche, Bett.

Der Freitag ist wie der Donnerstag, der eigentlich wie der Samstag ist, nur das am Samstag noch viel mehr los ist. Der Sonntag fühlt sich wie der Samstag an, der ja wie der Donnerstag ist, welcher Ähnlichkeit mit dem Freitag hat. Kurz um, die Tage sind ab Donnerstag im Ablauf ungefähr gleich. Am Abend ist halt immer eine andere Festlichkeit. Der Sonntag bringt am Abend einen besonderen Event mit sich, der Rückflug nach Hause.  So gern man diese Messe mit nimmt, nach 6 Tagen hat man die Schnauze voll. Doch das Treffen mit einigen lieb gewordenen Autoren und Mitstreitern, die Gespräche unter Gleichgesinnten und die friedliche Stimmung auf diesem großen Fest der Spiele begeistern immer wieder aufs Neue und entschädigen die müden Füße am Ende der Schlacht.

Mario